Angst-Anerkennungs-Theorie · Meta-Modell N

Die vollständige Kausalkette

Die Kette ist in drei Ebenen gegliedert: die Genese der Struktur über die frühe Kindheit, der situative Kreislauf im Alltag und die Transformation, die diesen Kreislauf über Bewusstwerdung, Umstrukturierung und Integration verändern kann. Die Stufen sind nicht streng linear zu lesen, sondern als Prozesslogik mit Rückkopplungen, in der einzelne Schritte sich überlagern, wiederholen oder gegenseitig verstärken können.

Diese Kausalkette ist ein theoretisches Rahmenmodell der Angst-Anerkennungs-Theorie und des Meta-Modell N. Sie dient der Selbstreflexion, psychologischen Bildung und Orientierung. Sie ersetzt keine Psychotherapie, Diagnostik oder medizinische Behandlung.

Zitieren: Wagner, N.-L. (2026). Meta-Modell N: Die vollständige Kausalkette der Angst-Anerkennungs-Theorie (Arbeitspapier, Version 1.2). Die innere Logik. doi.org/10.17605/OSF.IO/C7FAU

Ebene 1Stufen 1–23 · 4 Phasen

Genese der Struktur

Die Genese der inneren Struktur über die frühe Kindheit.

StufePhaseBausteinBeschreibung & fachliche FunktionFachlicher Anschluss
1PräverbalTemperamentbasis (Anlage)

Der Mensch bringt von Beginn an eine konstitutionelle Ausstattung mit — Temperament, Reizoffenheit, Aktivierungs- und Annäherungsneigung —, die alle folgenden Erfahrungen mitfärbt.

Konstitutionelle Mitspielerin: das Modell beschreibt die erfahrungsbezogene Achse, nennt die Anlage aber ausdrücklich als parallele Mitursache.

Thomas und ChessKaganAnlage-Umwelt-Interaktion
2Körperliches Erleben

Der Mensch erlebt sich zuerst über Körperzustände wie Spannung, Hunger, Atmung, Nähe und Berührung.

Erster erfahrungsbezogener Ausgangspunkt, vor Sprache und bewusster Deutung.

SternInterozeption
3Innenwahrnehmung

Innere Zustände werden gespürt, bevor sie benannt werden können.

Grundlage für Selbstwahrnehmung.

Interozeption
4Selbst und Nicht-Selbst

Allmählich bildet sich, als Prozess, eine erste Grenze zwischen eigenem Erleben und Aussenwelt.

Frühform von Differenzierung.

Stern
5Innenreferenz und Körper-Ich

Aus wiederholtem Spüren entsteht eine erste innere Orientierung.

Körperliche Basis des Ich-Erlebens.

Stern (Kern-Selbst)
6Co-Regulation

Das Kind braucht Antwort, Nähe, Rhythmus, Stimme, Blick und Schutz; Regulation entsteht zuerst in Beziehung.

Regulation entsteht zuerst in Beziehung.

Bowlby, AinsworthTronick
7Urvertrauen oder Urunsicherheit

Wird inneres Erleben ausreichend gehalten, kann Vertrauen entstehen, sonst kann Unsicherheit wachsen.

Frühe Sicherheitsbasis.

Erikson
8GrundpolaritätAngst, Beruhigung und Beziehungssicherheit

Angst kann als Alarm erscheinen, Beruhigung entsteht durch Kontakt, Annahme und verlässliche Beziehung.

Grundspannung zwischen Alarm und Sicherheit.

Bindungsforschung
9Frühe Bindung, wenig getrenntes Selbsterleben

Sicherheit und Bezugsperson können zunächst wenig getrennt vom eigenen Selbst erlebt werden; frühe Differenzierung ist belegt, daher wenig, nicht kein getrenntes Selbsterleben.

Verbindung von Bindung und frühem Selbsterleben.

Bindungsforschungfrühe Differenzierung (vgl. Stern, vorsichtig formuliert)
10Trennung und Eigenwille

Entwicklung, Distanz und Frustration können die Erfahrung entstehen lassen, nicht eins mit dem anderen zu sein.

Beginn von Autonomie.

Autonomieentwicklung
11Schutz und mögliche Abspaltung

Überforderung, Angst oder Scham können vom bewussten Selbstgefühl getrennt werden.

Frühe Schutzbewegung.

AbwehrYoung
12WertungÄussere Rückmeldung

Das Kind erlebt Zustimmung, Ablehnung, Nähe, Distanz, Kritik oder Nichtbeachtung.

Aussenreaktion prägt den Selbstbezug.

Cooley, Mead
13Bewertung und Wertung

Erleben wird eingeordnet als sicher oder unsicher, willkommen oder nicht; Wertung ist nicht nur negativ.

Übergang von Erfahrung zu Bedeutung.

Appraisal
14Ersetzte Wertungsliebe

Zuneigung kann mit Anerkennung, Wohlverhalten oder Bestätigung verwechselt werden.

Kernthese der A-A-T, als Modellannahme markiert.

RogersEigenbegriff der A-A-T
15Bedürfnis- und Wertedifferenzierung

Aus Erfahrung entstehen Bedürfnisse, Werte und innere Orientierungsmuster.

Verbindet Bedürfnis, Beziehung und Wertung.

BedürfnispsychologieWerteentwicklung
16SelbstkonstruktSelbstbild

Aus wiederholten Rückmeldungen entsteht ein Bild von sich selbst.

Aus Beziehung und Deutung entsteht ein Bild von sich.

Harterinneres Arbeitsmodell
17Konditioniertes Ich

Eine Anpassungsstruktur versucht, Anerkennung zu sichern und Ablehnung zu vermeiden; gemeint ist an Wertung gebunden, nicht klassische Konditionierung.

Schutz- und Anpassungsstruktur.

WinnicottRogers
18Unkonditionierter Selbstkern

Ein Kern an Bedürfnissen, Lebendigkeit und Eigenwille, der unter der Anpassung erfahrbar bleiben kann.

Gegenpol zum konditionierten Ich.

Winnicottklinisch-regulativer Eigenbegriff
19Selbstwertbindung

Der Selbstwert kann sich an äussere Zeichen wie Lob, Nähe, Leistung, Status oder Kontrolle koppeln und dadurch eine eher aussengebundene Selbstwertorganisation begünstigen.

Bindeglied zwischen Wertung, Anerkennung und Selbstbezug.

Crocker und Wolfe (Kontingenzen des Selbstwerts)
20Selbstwirksamkeit

Der Mensch erlebt, dass sein Handeln Wirkung hat.

Grundlage für Handlungsfähigkeit.

Bandura
21Selbstvertrauen

Aus wiederholter Wirksamkeit kann die allgemeinere Erwartung wachsen, mit Situationen umgehen zu können.

Brücke zwischen Erfahrung und Zutrauen.

Selbstkonzept-Forschung
22Selbstwertorganisation

Der Selbstwert organisiert sich als überdauernde Struktur, eher von innen getragen oder eher an die äusseren Zeichen gebunden, an die er sich gekoppelt hat.

Zentrum des Selbstbezugs.

RosenbergCrocker und WolfeA-A-T-Synthese
23Wohlbefinden oder innere Spannung

Daran kann sichtbar werden, wie stabil Selbstwert, Sicherheit und innerer Kontakt erlebt werden.

Ergebnisindikator des Selbstwert- und Sicherheitssystems.

WohlbefindenEmotionsregulation

Präverbal

1

Temperamentbasis (Anlage)

Der Mensch bringt von Beginn an eine konstitutionelle Ausstattung mit — Temperament, Reizoffenheit, Aktivierungs- und Annäherungsneigung —, die alle folgenden Erfahrungen mitfärbt.

Konstitutionelle Mitspielerin: das Modell beschreibt die erfahrungsbezogene Achse, nennt die Anlage aber ausdrücklich als parallele Mitursache.

Thomas und ChessKaganAnlage-Umwelt-Interaktion
2

Körperliches Erleben

Der Mensch erlebt sich zuerst über Körperzustände wie Spannung, Hunger, Atmung, Nähe und Berührung.

Erster erfahrungsbezogener Ausgangspunkt, vor Sprache und bewusster Deutung.

SternInterozeption
3

Innenwahrnehmung

Innere Zustände werden gespürt, bevor sie benannt werden können.

Grundlage für Selbstwahrnehmung.

Interozeption
4

Selbst und Nicht-Selbst

Allmählich bildet sich, als Prozess, eine erste Grenze zwischen eigenem Erleben und Aussenwelt.

Frühform von Differenzierung.

Stern
5

Innenreferenz und Körper-Ich

Aus wiederholtem Spüren entsteht eine erste innere Orientierung.

Körperliche Basis des Ich-Erlebens.

Stern (Kern-Selbst)
6

Co-Regulation

Das Kind braucht Antwort, Nähe, Rhythmus, Stimme, Blick und Schutz; Regulation entsteht zuerst in Beziehung.

Regulation entsteht zuerst in Beziehung.

Bowlby, AinsworthTronick
7

Urvertrauen oder Urunsicherheit

Wird inneres Erleben ausreichend gehalten, kann Vertrauen entstehen, sonst kann Unsicherheit wachsen.

Frühe Sicherheitsbasis.

Erikson

Grundpolarität

8

Angst, Beruhigung und Beziehungssicherheit

Angst kann als Alarm erscheinen, Beruhigung entsteht durch Kontakt, Annahme und verlässliche Beziehung.

Grundspannung zwischen Alarm und Sicherheit.

Bindungsforschung
9

Frühe Bindung, wenig getrenntes Selbsterleben

Sicherheit und Bezugsperson können zunächst wenig getrennt vom eigenen Selbst erlebt werden; frühe Differenzierung ist belegt, daher wenig, nicht kein getrenntes Selbsterleben.

Verbindung von Bindung und frühem Selbsterleben.

Bindungsforschungfrühe Differenzierung (vgl. Stern, vorsichtig formuliert)
10

Trennung und Eigenwille

Entwicklung, Distanz und Frustration können die Erfahrung entstehen lassen, nicht eins mit dem anderen zu sein.

Beginn von Autonomie.

Autonomieentwicklung
11

Schutz und mögliche Abspaltung

Überforderung, Angst oder Scham können vom bewussten Selbstgefühl getrennt werden.

Frühe Schutzbewegung.

AbwehrYoung

Wertung

12

Äussere Rückmeldung

Das Kind erlebt Zustimmung, Ablehnung, Nähe, Distanz, Kritik oder Nichtbeachtung.

Aussenreaktion prägt den Selbstbezug.

Cooley, Mead
13

Bewertung und Wertung

Erleben wird eingeordnet als sicher oder unsicher, willkommen oder nicht; Wertung ist nicht nur negativ.

Übergang von Erfahrung zu Bedeutung.

Appraisal
14

Ersetzte Wertungsliebe

Zuneigung kann mit Anerkennung, Wohlverhalten oder Bestätigung verwechselt werden.

Kernthese der A-A-T, als Modellannahme markiert.

RogersEigenbegriff der A-A-T
15

Bedürfnis- und Wertedifferenzierung

Aus Erfahrung entstehen Bedürfnisse, Werte und innere Orientierungsmuster.

Verbindet Bedürfnis, Beziehung und Wertung.

BedürfnispsychologieWerteentwicklung

Selbstkonstrukt

16

Selbstbild

Aus wiederholten Rückmeldungen entsteht ein Bild von sich selbst.

Aus Beziehung und Deutung entsteht ein Bild von sich.

Harterinneres Arbeitsmodell
17

Konditioniertes Ich

Eine Anpassungsstruktur versucht, Anerkennung zu sichern und Ablehnung zu vermeiden; gemeint ist an Wertung gebunden, nicht klassische Konditionierung.

Schutz- und Anpassungsstruktur.

WinnicottRogers
18

Unkonditionierter Selbstkern

Ein Kern an Bedürfnissen, Lebendigkeit und Eigenwille, der unter der Anpassung erfahrbar bleiben kann.

Gegenpol zum konditionierten Ich.

Winnicottklinisch-regulativer Eigenbegriff
19

Selbstwertbindung

Der Selbstwert kann sich an äussere Zeichen wie Lob, Nähe, Leistung, Status oder Kontrolle koppeln und dadurch eine eher aussengebundene Selbstwertorganisation begünstigen.

Bindeglied zwischen Wertung, Anerkennung und Selbstbezug.

Crocker und Wolfe (Kontingenzen des Selbstwerts)
20

Selbstwirksamkeit

Der Mensch erlebt, dass sein Handeln Wirkung hat.

Grundlage für Handlungsfähigkeit.

Bandura
21

Selbstvertrauen

Aus wiederholter Wirksamkeit kann die allgemeinere Erwartung wachsen, mit Situationen umgehen zu können.

Brücke zwischen Erfahrung und Zutrauen.

Selbstkonzept-Forschung
22

Selbstwertorganisation

Der Selbstwert organisiert sich als überdauernde Struktur, eher von innen getragen oder eher an die äusseren Zeichen gebunden, an die er sich gekoppelt hat.

Zentrum des Selbstbezugs.

RosenbergCrocker und WolfeA-A-T-Synthese
23

Wohlbefinden oder innere Spannung

Daran kann sichtbar werden, wie stabil Selbstwert, Sicherheit und innerer Kontakt erlebt werden.

Ergebnisindikator des Selbstwert- und Sicherheitssystems.

WohlbefindenEmotionsregulation
Ebene 2Stufen 24–46 · 10 Phasen

Der situative Kreislauf

Wie sich das Muster im Alltag, Situation für Situation, wiederholt.

StufePhaseBausteinBeschreibung & fachliche FunktionFachlicher Anschluss
24BedürfnisGrundbedürfnis

Bindung, Orientierung, Selbstwert, Lustgewinn oder Autonomie können aktiviert werden.

Anschlussfähig an Grundbedürfnismodelle.

GraweDeci und Ryan für Autonomie-Ergänzung
25Grundangst

Wird ein Bedürfnis bedroht, kann Angst vor Verlust, Chaos, Wertlosigkeit, Vereinnahmung oder Festlegung entstehen.

Verbindung zu den Grundängsten.

Grawe (Grundbedürfnisse)Riemann (typologische Anregung, nicht empirisch validiert)fünf Grundängste als eigene Synthese
26AlarmKörperalarm

Der Körper kann mit Anspannung, Enge, Unruhe, Erstarren oder Rückzug reagieren, auch bevor das Erleben bewusst als Gefühl benannt werden kann.

Körperliche Aktivierung vor bewusster Deutung.

Stressreaktionautonome Aktivierung
27Anerkennungsfrage

Innerlich kann die Frage entstehen, ob man sicher, richtig, wichtig, gewollt oder genug sei.

Verbindet Körperalarm mit Beziehung, Selbstwert und Anerkennung.

Eigenbegriff
28DeutungGlaubenssatz

Alte Erfahrungen können sich zu inneren Sätzen verdichten, etwa: Ich bin nicht genug, Nähe ist gefährlich, ich muss leisten; nicht alle sind bewusst.

Schemaartige Grundannahme.

Young (frühe maladaptive Schemata)
29Gedächtnis und alte Bedeutung

Gegenwartsreize können assoziative Netze aktivieren, sodass die Gegenwart wie eine alte Bedrohung erlebt werden kann.

Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

implizites Gedächtnis
30Identität und Rollenbindung

Vertraute Rollen können sich wie Identität anfühlen und das Muster stabilisieren.

Stabilisierung des Musters.

Erikson (Identität)
31Interpretation und Bewertung

Die Gegenwart wird durch diesen Filter aus Glaubenssatz, Gedächtnis und Rolle gedeutet und bewertet; selten völlig neutral.

Die aktuelle Situation wird gefiltert.

Top-down-Verarbeitung
32AffektGefühl

Aus Aktivierung und Bedeutung entstehen Gefühle wie Angst, Scham, Wut, Trauer, Leere oder Sehnsucht; ein Gefühl ist ein Signal.

Gefühl als Signal, nicht als Fehler.

EmotionsforschungAppraisalAffektregulation
33ErwartungHoffnung und Erwartung

Das System richtet sich auf ein erhofftes Ergebnis aus — Beruhigung, Bestätigung, Sicherheit, Nähe, Anerkennung oder Freiheit, oft im Aussen.

Der erwartete Inhalt: worauf sich das System ausrichtet, das erhoffte Ergebnis — noch ohne Handlungsenergie.

Erwartungsbildung
34Motivation

Aus dem Zusammenspiel von Bedürfnis und Wert mit Erwartung und Selbstwirksamkeit kann, getragen von Hoffnung, eine Bewegung zum Handeln entstehen; bindet sich die Hoffnung an Anerkennung oder äussere Wertung, kann aus Motivation eher Druck, Anpassung oder Schutz werden.

Die Handlungsenergie: die Bewegung zum Tun aus Erwartung und erlebter Wirksamkeit — das Wieviel, nicht das Was.

Erwartungs-Wert-TheorieSelbstbestimmungstheorie
35Enttäuschung

Bleibt die erwartete Antwort aus, kann die alte Angst berührt werden; dies ist der Kipppunkt.

Kipppunkt des Kreislaufs.

Erwartungsverletzung
36SchutzbewegungSchutzaktivierung

Das System versucht, Schmerz, Ohnmacht oder Bedrohung innerlich zu regulieren; der Schutz ist hier noch Bewegung, nicht sichtbare Form.

Übergang von Enttäuschung zu Schutz.

Schutzreaktion
37Richtung der Schutzbewegung: AAK und ASK

Die Schutzbewegung kann sich nach aussen wenden, dann wird die Ursache eher beim anderen gesucht (Angst-Anerkennungs-Kreislauf), oder nach innen, dann wird die Ursache eher bei sich gesucht, oft verbunden mit Scham (Angst-Scham-Schuld-Kreislauf); keine festen Typen, sondern Richtungen, die wechseln können.

Richtung der Schutzbewegung, nach aussen oder nach innen.

Eigenbegriffe des Modells
38Schuldfrage

Das System sucht eine Ursache, bei sich, beim anderen oder in der Situation.

Beginn der Ursachen- und Schuldsuche.

Weiner (Attribution)
39Unterstellung

Die eigene Deutung kann dem Gegenüber zugeschrieben werden.

Projektion und Bedeutungsfixierung.

DodgeFreud (Projektion, historischer Anschluss)
40Abwertung und Verurteilung

Die Spannung kann sich über ein Urteil entladen, das von Abwertung bis Verurteilung reicht.

Schutz vor innerer Ohnmacht.

Abwehr
41Bewältigungsstil

Der Schutz zeigt sich schliesslich als sichtbare Form: Unterwerfung, Vermeidung oder Überkompensation.

Sichtbare Form des Schutzes.

Young (drei Bewältigungsformen)
42EntscheidungWille zwischen Bedürfnis, Selbstkontakt und Schutzmuster

Der Wille kann aus Klarheit wachsen oder von Angstschutz, Bedürfnisnot und Anerkennungssehnsucht gelenkt sein.

Die Steuerung: die innere Richtungsgebung zwischen Bedürfnis, Selbstkontakt und Schutzmuster — woher die Bewegung gelenkt wird.

Selbstbestimmungstheorie
43Entscheidung

Die Person wählt Nähe, Rückzug, Angriff, Anpassung, Kontrolle, Grenze oder Ehrlichkeit; unter Belastung eingeschränkt frei.

Der Umschlagpunkt: die konkrete Festlegung vor dem Verhalten — das Was-jetzt.

Handlungssteuerung
44VerhaltenVerhalten

Die innere Bewegung wird sichtbar, etwa als Klammern, Schweigen, Leistung, Flucht, Dominanz oder Selbstaufgabe; kein Endpunkt.

Sichtbarer Ausdruck der inneren Dynamik.

,
45BeziehungWirkung auf andere

Das Verhalten kann Reaktionen wie Nähe, Distanz, Abwehr, Schuld, Mitgefühl oder Kontakt auslösen.

Beziehung wird Teil der Rückkopplung.

systemische Rückkopplung
46RückkopplungMusterverstärkung oder Korrektur

Die Reaktion kann das alte Muster bestätigen oder eine korrigierende Erfahrung ermöglichen.

Kreislauf oder Korrektur.

LernschleifeWiederholungFreud als historischer Anschluss

Bedürfnis

24

Grundbedürfnis

Bindung, Orientierung, Selbstwert, Lustgewinn oder Autonomie können aktiviert werden.

Anschlussfähig an Grundbedürfnismodelle.

GraweDeci und Ryan für Autonomie-Ergänzung
25

Grundangst

Wird ein Bedürfnis bedroht, kann Angst vor Verlust, Chaos, Wertlosigkeit, Vereinnahmung oder Festlegung entstehen.

Verbindung zu den Grundängsten.

Grawe (Grundbedürfnisse)Riemann (typologische Anregung, nicht empirisch validiert)fünf Grundängste als eigene Synthese

Alarm

26

Körperalarm

Der Körper kann mit Anspannung, Enge, Unruhe, Erstarren oder Rückzug reagieren, auch bevor das Erleben bewusst als Gefühl benannt werden kann.

Körperliche Aktivierung vor bewusster Deutung.

Stressreaktionautonome Aktivierung
27

Anerkennungsfrage

Innerlich kann die Frage entstehen, ob man sicher, richtig, wichtig, gewollt oder genug sei.

Verbindet Körperalarm mit Beziehung, Selbstwert und Anerkennung.

Eigenbegriff

Deutung

28

Glaubenssatz

Alte Erfahrungen können sich zu inneren Sätzen verdichten, etwa: Ich bin nicht genug, Nähe ist gefährlich, ich muss leisten; nicht alle sind bewusst.

Schemaartige Grundannahme.

Young (frühe maladaptive Schemata)
29

Gedächtnis und alte Bedeutung

Gegenwartsreize können assoziative Netze aktivieren, sodass die Gegenwart wie eine alte Bedrohung erlebt werden kann.

Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

implizites Gedächtnis
30

Identität und Rollenbindung

Vertraute Rollen können sich wie Identität anfühlen und das Muster stabilisieren.

Stabilisierung des Musters.

Erikson (Identität)
31

Interpretation und Bewertung

Die Gegenwart wird durch diesen Filter aus Glaubenssatz, Gedächtnis und Rolle gedeutet und bewertet; selten völlig neutral.

Die aktuelle Situation wird gefiltert.

Top-down-Verarbeitung

Affekt

32

Gefühl

Aus Aktivierung und Bedeutung entstehen Gefühle wie Angst, Scham, Wut, Trauer, Leere oder Sehnsucht; ein Gefühl ist ein Signal.

Gefühl als Signal, nicht als Fehler.

EmotionsforschungAppraisalAffektregulation

Erwartung

33

Hoffnung und Erwartung

Das System richtet sich auf ein erhofftes Ergebnis aus — Beruhigung, Bestätigung, Sicherheit, Nähe, Anerkennung oder Freiheit, oft im Aussen.

Der erwartete Inhalt: worauf sich das System ausrichtet, das erhoffte Ergebnis — noch ohne Handlungsenergie.

Erwartungsbildung
34

Motivation

Aus dem Zusammenspiel von Bedürfnis und Wert mit Erwartung und Selbstwirksamkeit kann, getragen von Hoffnung, eine Bewegung zum Handeln entstehen; bindet sich die Hoffnung an Anerkennung oder äussere Wertung, kann aus Motivation eher Druck, Anpassung oder Schutz werden.

Die Handlungsenergie: die Bewegung zum Tun aus Erwartung und erlebter Wirksamkeit — das Wieviel, nicht das Was.

Erwartungs-Wert-TheorieSelbstbestimmungstheorie
35

Enttäuschung

Bleibt die erwartete Antwort aus, kann die alte Angst berührt werden; dies ist der Kipppunkt.

Kipppunkt des Kreislaufs.

Erwartungsverletzung

Schutzbewegung

36

Schutzaktivierung

Das System versucht, Schmerz, Ohnmacht oder Bedrohung innerlich zu regulieren; der Schutz ist hier noch Bewegung, nicht sichtbare Form.

Übergang von Enttäuschung zu Schutz.

Schutzreaktion
37

Richtung der Schutzbewegung: AAK und ASK

Die Schutzbewegung kann sich nach aussen wenden, dann wird die Ursache eher beim anderen gesucht (Angst-Anerkennungs-Kreislauf), oder nach innen, dann wird die Ursache eher bei sich gesucht, oft verbunden mit Scham (Angst-Scham-Schuld-Kreislauf); keine festen Typen, sondern Richtungen, die wechseln können.

Richtung der Schutzbewegung, nach aussen oder nach innen.

Eigenbegriffe des Modells
38

Schuldfrage

Das System sucht eine Ursache, bei sich, beim anderen oder in der Situation.

Beginn der Ursachen- und Schuldsuche.

Weiner (Attribution)
39

Unterstellung

Die eigene Deutung kann dem Gegenüber zugeschrieben werden.

Projektion und Bedeutungsfixierung.

DodgeFreud (Projektion, historischer Anschluss)
40

Abwertung und Verurteilung

Die Spannung kann sich über ein Urteil entladen, das von Abwertung bis Verurteilung reicht.

Schutz vor innerer Ohnmacht.

Abwehr
41

Bewältigungsstil

Der Schutz zeigt sich schliesslich als sichtbare Form: Unterwerfung, Vermeidung oder Überkompensation.

Sichtbare Form des Schutzes.

Young (drei Bewältigungsformen)

Entscheidung

42

Wille zwischen Bedürfnis, Selbstkontakt und Schutzmuster

Der Wille kann aus Klarheit wachsen oder von Angstschutz, Bedürfnisnot und Anerkennungssehnsucht gelenkt sein.

Die Steuerung: die innere Richtungsgebung zwischen Bedürfnis, Selbstkontakt und Schutzmuster — woher die Bewegung gelenkt wird.

Selbstbestimmungstheorie
43

Entscheidung

Die Person wählt Nähe, Rückzug, Angriff, Anpassung, Kontrolle, Grenze oder Ehrlichkeit; unter Belastung eingeschränkt frei.

Der Umschlagpunkt: die konkrete Festlegung vor dem Verhalten — das Was-jetzt.

Handlungssteuerung

Verhalten

44

Verhalten

Die innere Bewegung wird sichtbar, etwa als Klammern, Schweigen, Leistung, Flucht, Dominanz oder Selbstaufgabe; kein Endpunkt.

Sichtbarer Ausdruck der inneren Dynamik.

Beziehung

45

Wirkung auf andere

Das Verhalten kann Reaktionen wie Nähe, Distanz, Abwehr, Schuld, Mitgefühl oder Kontakt auslösen.

Beziehung wird Teil der Rückkopplung.

systemische Rückkopplung

Rückkopplung

46

Musterverstärkung oder Korrektur

Die Reaktion kann das alte Muster bestätigen oder eine korrigierende Erfahrung ermöglichen.

Kreislauf oder Korrektur.

LernschleifeWiederholungFreud als historischer Anschluss
Ebene 3Stufen 47–56 · 3 Phasen

Transformation

Wie sich der Kreislauf über Bewusstwerdung, Umstrukturierung und Integration verändern kann.

StufePhaseBausteinBeschreibung & fachliche FunktionFachlicher Anschluss
47ErkennenBewusstwerdung

Der Mensch kann erkennen, dass eine Situation nicht nur die Situation ist, sondern auch ein altes Muster berührt; aus «Ich bin so» wird «ein Anteil in mir reagiert so».

Beginn von innerer Freiheit: das Erleben verschmilzt nicht mehr vollständig mit der Identität.

Fonagy (Mentalisierung)Defusion
48Innenreferenz und Selbstführung

Eine innere Funktion von Beobachtung, Mitgefühl und erwachsener Einordnung wird verfügbar — der selbstführende Anteil.

Rückkehr zu innerer Steuerung statt automatischem Scham- oder Angstreflex.

Schwartz (IFS)Gilbert (CFT, klinischer Anschluss)RogersA-A-T-Integrationsbegriff
49UmstrukturierungSichere Aktivierung als Arbeitsfenster

Ein Muster wird eher veränderbar, wenn es aktiviert ist und die Person zugleich orientiert, zustimmungsfähig und körperlich stabil bleibt; Aktivierung wird nicht automatisch vermieden.

Das aktivierte Muster wird zugänglich, ohne in Überforderung zu kippen — als Prinzip, nicht als bewiesene Methode.

Gedächtnisrekonsolidierung (allgemeines Prinzip)sichere emotionale Aktivierung
50Musterunterbrechung

Die automatische Reaktionsbahn wird kurz angehalten, sodass die alte Scham- oder Angstspirale nicht weiter abläuft.

Unterbrechung der automatischen Reaktionskette; Raum für eine neue Bahn entsteht.

inhibitorisches LernenAufmerksamkeitsunterbrechung
51Bedeutungs- und Reaktionsumbau

Das alte innere Bild und die alte Reaktion werden umstrukturiert und durch eine neue, realistische Reaktion ersetzt; entmachtet wird nur die alte Musterform, nicht der Anteil.

Korrigierende Erfahrung: alte Bedeutung wird aktualisiert, neue Handlung tritt an ihre Stelle.

Imagery Rescriptingkorrigierende emotionale ErfahrungBedeutungsaktualisierung
52Einübung und Stabilisierung

Die neue Reaktion wird mehrfach durchlaufen, damit das System eine neue Reaktionsspur kennenlernt — bewusstes Einüben, keine mechanische Programmierung.

Wiederholung festigt die neue Bahn.

erfahrungsabhängige Neuroplastizitätinhibitorisches Lernen
53IntegrationVerankerung und Alltagstransfer

Sensorische oder symbolische Anker und ein kleiner, konkreter nächster Schritt machen die neue Reaktion im Alltag abrufbar.

Brücke von der inneren Arbeit in das tägliche Handeln.

Implementation Intentionssensorische VerankerungGrounding
54Sinn- und Werteintegration

Eine frühe eigene Ressource wird mit heutigen Werten, Fähigkeiten und Lebensrichtung verbunden; die Veränderung bekommt eine Richtung, nicht nur Beruhigung.

Aus Regulation wird Sinn: das Eigene darf eine konkrete Form finden.

SelbstkontinuitätSinnbildungWerteklärung
55Würde

Die Achse kann sich von Wertung zu Würde verschieben (ethischer Begriff).

Kann den Selbstwert schrittweise von äusserer Wertung lösen.

Honneth (Anerkennungstheorie)ethischer Wertbegriff
56Bewusste Bindung

Beziehung wird weder Verschmelzung aus Angst noch Kontrolle aus Schutz, sondern Kontakt mit Selbstbezug.

Möglicher integrierter Zielpunkt der Kette.

erarbeitete Sicherheit (Main, Hesse)

Erkennen

47

Bewusstwerdung

Der Mensch kann erkennen, dass eine Situation nicht nur die Situation ist, sondern auch ein altes Muster berührt; aus «Ich bin so» wird «ein Anteil in mir reagiert so».

Beginn von innerer Freiheit: das Erleben verschmilzt nicht mehr vollständig mit der Identität.

Fonagy (Mentalisierung)Defusion
48

Innenreferenz und Selbstführung

Eine innere Funktion von Beobachtung, Mitgefühl und erwachsener Einordnung wird verfügbar — der selbstführende Anteil.

Rückkehr zu innerer Steuerung statt automatischem Scham- oder Angstreflex.

Schwartz (IFS)Gilbert (CFT, klinischer Anschluss)RogersA-A-T-Integrationsbegriff

Umstrukturierung

49

Sichere Aktivierung als Arbeitsfenster

Ein Muster wird eher veränderbar, wenn es aktiviert ist und die Person zugleich orientiert, zustimmungsfähig und körperlich stabil bleibt; Aktivierung wird nicht automatisch vermieden.

Das aktivierte Muster wird zugänglich, ohne in Überforderung zu kippen — als Prinzip, nicht als bewiesene Methode.

Gedächtnisrekonsolidierung (allgemeines Prinzip)sichere emotionale Aktivierung
50

Musterunterbrechung

Die automatische Reaktionsbahn wird kurz angehalten, sodass die alte Scham- oder Angstspirale nicht weiter abläuft.

Unterbrechung der automatischen Reaktionskette; Raum für eine neue Bahn entsteht.

inhibitorisches LernenAufmerksamkeitsunterbrechung
51

Bedeutungs- und Reaktionsumbau

Das alte innere Bild und die alte Reaktion werden umstrukturiert und durch eine neue, realistische Reaktion ersetzt; entmachtet wird nur die alte Musterform, nicht der Anteil.

Korrigierende Erfahrung: alte Bedeutung wird aktualisiert, neue Handlung tritt an ihre Stelle.

Imagery Rescriptingkorrigierende emotionale ErfahrungBedeutungsaktualisierung
52

Einübung und Stabilisierung

Die neue Reaktion wird mehrfach durchlaufen, damit das System eine neue Reaktionsspur kennenlernt — bewusstes Einüben, keine mechanische Programmierung.

Wiederholung festigt die neue Bahn.

erfahrungsabhängige Neuroplastizitätinhibitorisches Lernen

Integration

53

Verankerung und Alltagstransfer

Sensorische oder symbolische Anker und ein kleiner, konkreter nächster Schritt machen die neue Reaktion im Alltag abrufbar.

Brücke von der inneren Arbeit in das tägliche Handeln.

Implementation Intentionssensorische VerankerungGrounding
54

Sinn- und Werteintegration

Eine frühe eigene Ressource wird mit heutigen Werten, Fähigkeiten und Lebensrichtung verbunden; die Veränderung bekommt eine Richtung, nicht nur Beruhigung.

Aus Regulation wird Sinn: das Eigene darf eine konkrete Form finden.

SelbstkontinuitätSinnbildungWerteklärung
55

Würde

Die Achse kann sich von Wertung zu Würde verschieben (ethischer Begriff).

Kann den Selbstwert schrittweise von äusserer Wertung lösen.

Honneth (Anerkennungstheorie)ethischer Wertbegriff
56

Bewusste Bindung

Beziehung wird weder Verschmelzung aus Angst noch Kontrolle aus Schutz, sondern Kontakt mit Selbstbezug.

Möglicher integrierter Zielpunkt der Kette.

erarbeitete Sicherheit (Main, Hesse)

Die 56 Bausteine im Zusammenhang

Ein zusammenhängendes Bild des Menschen

Was du in den nächsten Abschnitten liest, ist kein Urteil über dich und keine Diagnose. Es ist ein Modell, eine Landkarte, die zeigen möchte, wie ein Mensch von innen heraus funktionieren kann: wie aus frühem Körpererleben nach und nach ein Selbst wird, wie dieses Selbst in Beziehung gerät, sich an Wertung bindet, unter Bedrohung in einen inneren Kreislauf kippt und wie sich dieser Kreislauf über Bewusstheit wieder verwandeln kann. Die Kette umfasst sechsundfünfzig Bausteine in drei Ebenen, doch sie sind nicht streng nacheinander zu lesen. Vieles geschieht gleichzeitig, manches wiederholt sich, einzelne Bewegungen verstärken einander. Verstehe die Stufen darum als Prozesslogik mit Rückkopplungen und nicht als feste Treppe, die jeder Mensch in derselben Reihenfolge hinaufsteigt. Und halte beim Lesen eines fest: Wenn du dich in manchem wiedererkennst, bedeutet das nicht, dass mit dir etwas nicht stimmt. Es bedeutet eher, dass du ein Mensch bist.

Stufe 1 bis 6

Der Anfang: Anlage, Körper und Beziehung

Noch bevor Erfahrung beginnt, bringt der Mensch eine eigene Anlage mit, ein Temperament mit Reizoffenheit und einer ersten Tönung von Aktivierung und Annäherung, die alles Spätere mitfärben kann, ohne es festzulegen. Diese konstitutionelle Ausstattung ist eine stille Mitspielerin im ganzen Geschehen, die das Modell ausdrücklich nennt, auch wenn es selbst die erfahrungs- und beziehungsbezogene Achse beschreibt. Bevor ein Mensch denkt, bevor er sich selbst benennen kann, erlebt er sich über seinen Körper. Das körperliche Erleben ist der Ausgangspunkt: Spannung, Hunger, Atmung, Wärme, Nähe und Berührung sind die erste Sprache, in der das Leben sich meldet, lange bevor es Worte dafür gibt. Aus diesem Erleben wächst die Innenwahrnehmung, das Spüren innerer Zustände, noch ehe sie einen Namen tragen. Wer in sich hineinhorcht und merkt, dass etwas eng oder weit, ruhig oder unruhig ist, berührt genau diese frühe Schicht. Allmählich, und das ist ein Prozess und kein einzelner Moment, bildet sich eine erste Grenze zwischen Selbst und Nicht-Selbst, eine zarte Unterscheidung zwischen dem, was zu mir gehört, und dem, was aussen ist. Auf dieser Unterscheidung kann sich eine Innenreferenz und ein Körper-Ich aufbauen, denn aus wiederholtem Spüren entsteht eine innere Orientierung, ein erstes leibliches Gefühl von Ich. Und doch entsteht all das nicht allein. Das Kind braucht Antwort, Nähe, Rhythmus, Stimme, Blick und Schutz, weil Regulation zuerst in Beziehung entsteht. Diese Co-Regulation ist der Boden, auf dem ein Mensch lernen kann, sich später selbst zu beruhigen.

Fachlich knüpfen diese ersten Stufen an die Säuglingsforschung von Daniel Stern und an die Forschung zur Interozeption an, also zur Wahrnehmung des eigenen Körperinneren, und die Co-Regulation lässt sich an Bowlby, Ainsworth und Tronick anschliessen. Eigene Begriffe der A-A-T sind hier noch nicht nötig, denn das Modell bewegt sich auf gut belegtem Grund.

Was dieser Abschnitt im Gesamtbild zeigt: Der Mensch beginnt nicht im Kopf, sondern im Körper und in der Beziehung. Bevor irgendein Selbstbild oder Gedanke existiert, gibt es ein spürendes Wesen, das gehalten werden muss, um sich selbst halten zu lernen.

Stufe 7 bis 11

Vertrauen, Angst und die erste Schutzbewegung

Auf dem Boden der frühen Beziehung entscheidet sich etwas Grundlegendes. Wird inneres Erleben oft genug gehalten, kann Urvertrauen wachsen, bleibt das Halten zu oft aus, kann sich eher eine Urunsicherheit einprägen. Das ist keine moralische Frage und kein Verdienst des Kindes, sondern eine frühe Sicherheitsbasis, die sich aus unzähligen kleinen Erfahrungen zusammensetzt. Aus dieser Basis ergibt sich eine Grundspannung, die einen Menschen lange begleiten kann, denn Angst kann als Alarm erscheinen, während Beruhigung und Beziehungssicherheit durch Kontakt, Annahme und verlässliche Nähe entstehen. In der ganz frühen Zeit sind Sicherheit und Bezugsperson oft kaum vom eigenen Selbst getrennt, sodass in dieser Phase der frühen Bindung mit wenig getrenntem Selbsterleben Schutz und Ich noch beinahe ineinanderfallen. Erst nach und nach bringen Entwicklung, Distanz und auch Frustration die Erfahrung hervor, nicht eins mit dem anderen zu sein. Diese Trennung und der Eigenwille sind der Beginn von Autonomie, ein notwendiger, manchmal schmerzhafter Schritt. Und wo das Erleben zu gross wird, kann sich eine erste Schutz- und mögliche Abspaltung zeigen, weil Überforderung, Angst oder Scham vom bewussten Selbstgefühl getrennt werden können, damit das Kind weiter funktionieren kann.

Diese Stufen lassen sich an Erikson anschliessen, an die Bindungsforschung und an die Autonomieentwicklung, und die frühe Schutzbewegung berührt klassische Konzepte der Abwehr sowie die Schematheorie von Jeffrey Young. Auch hier arbeitet das Modell vorsichtig und markiert die ganz frühe Getrenntheit ausdrücklich als behutsam formuliert, weil sich über das vorsprachliche Erleben nur mit Zurückhaltung sprechen lässt.

Was dieser Abschnitt im Gesamtbild zeigt: Vertrauen und Angst sind keine Charakterfehler, sondern frühe Antworten auf die Frage, ob die Welt verlässlich ist. Schon hier entsteht die erste Bewegung, die sich später durch ein ganzes Leben ziehen kann, nämlich der Schutz vor dem, was zu viel war.

Stufe 12 bis 16

Wie aus Wertung ein Selbstbild wird

Mit der wachsenden Trennung tritt die Aussenwelt deutlicher ins Spiel. Das Kind erlebt äussere Rückmeldung, also Zustimmung, Ablehnung, Nähe, Distanz, Kritik oder auch Nichtbeachtung, und jede dieser Reaktionen prägt den Selbstbezug mit. Daraus folgt eine Bewertung und Wertung des eigenen Erlebens, das eingeordnet wird als sicher oder unsicher, willkommen oder nicht. Wertung ist dabei nicht von vornherein etwas Schlechtes, sie ist der Übergang von blosser Erfahrung zu Bedeutung. An dieser Stelle formuliert das Modell seine vielleicht wichtigste Annahme, die ersetzte Wertungsliebe, denn Zuneigung kann mit Anerkennung, Wohlverhalten oder Bestätigung verwechselt werden, sodass ein Mensch zu lernen beginnt, Liebe sei etwas, das man sich verdient. Dies ist ein Eigenbegriff der A-A-T und ausdrücklich als Modellannahme markiert, nicht als bewiesene Tatsache. Aus all dem wächst eine Bedürfnis- und Wertedifferenzierung, in der sich Bedürfnisse, Werte und innere Orientierungsmuster ausbilden, und schliesslich ein Selbstbild, ein aus wiederholten Rückmeldungen gewachsenes Bild von sich selbst.

Fachlich schliessen diese Stufen an das Spiegelselbst von Cooley und an Mead an, an die Appraisal-Forschung zur Bewertung von Erleben, an Carl Rogers, an die Selbstkonzeptforschung von Susan Harter und an das innere Arbeitsmodell der Bindungstheorie, während sich die Bedürfnis- und Wertedifferenzierung an die Bedürfnispsychologie und an die Werteentwicklung anlehnt. Die ersetzte Wertungsliebe dagegen ist ein eigener Begriff, mit dem die A-A-T eine bestimmte Verwechslung benennt, die sie für zentral hält.

Was dieser Abschnitt im Gesamtbild zeigt: Ein Mensch baut sein Bild von sich nicht im Alleingang, sondern aus dem, was zurückgespiegelt wurde. Wo Liebe an Bedingungen geknüpft schien, kann früh die Idee entstehen, der eigene Wert hänge vom Wohlverhalten ab.

Stufe 17 bis 21

Das angepasste Ich und der Kern darunter

Aus der Erfahrung, dass Zuneigung an Bedingungen hängen kann, formt sich eine besondere Struktur. Das konditionierte Ich ist eine Anpassungsstruktur, die versucht, Anerkennung zu sichern und Ablehnung zu vermeiden, und es ist klug, schützend und oft sehr wirksam, lebt aber aus der Sorge, nicht zu genügen. Ihm gegenüber steht der unkonditionierte Selbstkern, ein Kern an Bedürfnissen, Lebendigkeit und Eigenwille, der unter aller Anpassung erfahrbar bleiben kann. Diese beiden bilden keinen Kampf von Gut gegen Böse, sondern zwei Seiten desselben Menschen. Wo das angepasste Ich überwiegt, kann sich der Selbstwert an äussere Zeichen binden, etwa an Lob, Nähe, Leistung, Status oder Kontrolle, und diese Selbstwertbindung begünstigt eine eher aussengebundene Selbstwertorganisation, bei der das Gefühl, wertvoll zu sein, von Bestätigung abhängig wird. Daneben aber wächst auch Handlungskraft. In der Selbstwirksamkeit erlebt der Mensch, dass sein Handeln Wirkung hat, und aus wiederholter Wirksamkeit kann sich Selbstvertrauen bilden, die allgemeinere Erwartung, mit Situationen umgehen zu können.

Diese Stufen sind gut anschlussfähig, das konditionierte Ich und der Selbstkern an Winnicott und Rogers, die Selbstwertbindung an die Forschung von Crocker und Wolfe zu den Kontingenzen des Selbstwerts, die Selbstwirksamkeit an Albert Bandura und das Selbstvertrauen an die Selbstkonzeptforschung. Der unkonditionierte Selbstkern trägt dabei zugleich einen eigenen, klinisch-regulativen Akzent der A-A-T, weil das Modell ihn als spürbaren Gegenpol zur Anpassung versteht.

Was dieser Abschnitt im Gesamtbild zeigt: In einem Menschen können ein angepasster und ein ursprünglicher Anteil nebeneinander bestehen. Ob der Selbstwert eher von innen getragen oder an äussere Bestätigung gebunden ist, entscheidet viel darüber, wie frei sich ein Leben anfühlt.

Stufe 22 bis 26

Vom festen Selbstwert in den Alltag des Kreislaufs

Was sich bisher gebildet hat, verdichtet sich zu einer überdauernden Struktur. In der Selbstwertorganisation ordnet sich der Selbstwert als Zentrum des Selbstbezugs, eher von innen getragen oder eher an jene äusseren Zeichen gebunden, an die er sich gekoppelt hat. Wie stabil dieses System ist, lässt sich am Wohlbefinden oder an innerer Spannung ablesen, denn daran kann sichtbar werden, wie sicher Selbstwert, Schutz und innerer Kontakt erlebt werden. Mit diesen beiden Stufen schliesst sich die erste Ebene, die Entstehung der Struktur, und der Weg führt in den Alltag hinein, in den situativen Kreislauf, der sich Tag für Tag wiederholen kann. Dort meldet sich zuerst ein Grundbedürfnis, denn Bindung, Orientierung, Selbstwert, Lustgewinn oder Autonomie können aktiviert werden. Wird ein solches Bedürfnis bedroht, kann eine Grundangst entstehen, eine Angst vor Verlust, Chaos, Wertlosigkeit, Vereinnahmung oder Festlegung. Und noch bevor das Erleben bewusst wird, kann der Körper antworten, sodass sich der Körperalarm als Anspannung, Enge, Unruhe, Erstarren oder Rückzug zeigt, oft schon, ehe ein Gefühl seinen Namen gefunden hat.

Fachlich knüpfen diese Stufen an Rosenberg und erneut an Crocker und Wolfe an, an die Wohlbefindens- und Emotionsregulationsforschung, an die Grundbedürfnismodelle von Klaus Grawe, mit einer Ergänzung um die Autonomie im Sinne von Deci und Ryan, sowie an Fritz Riemanns Grundformen der Angst und an die Stressforschung mit ihrer autonomen Aktivierung. Die Selbstwertorganisation trägt zugleich eine eigene Synthese der A-A-T, und die besondere Verbindung der Grundängste mit den Bedürfnissen ist ebenfalls eine eigene Zusammenführung des Modells.

Was dieser Abschnitt im Gesamtbild zeigt: Hier kippt das Bild von der Entstehung in die Wiederholung. Ein stabiler oder gebundener Selbstwert geht mit uns in jeden Tag, und sobald ein Bedürfnis bedroht wird, kann der alte Alarm im Körper anspringen, bevor wir verstehen, was geschieht.

Stufe 27 bis 31

Wie die Gegenwart durch alte Bedeutung gefärbt wird

Hat der Körper Alarm geschlagen, taucht oft eine leise, manchmal kaum bewusste Frage auf. Die Anerkennungsfrage lautet sinngemäss, ob man sicher, richtig, wichtig, gewollt oder genug sei, und sie verbindet den Körperalarm mit Beziehung, Selbstwert und Anerkennung; sie ist ein Eigenbegriff der A-A-T. Aus alten Erfahrungen können sich dann innere Sätze verdichten, Glaubenssätze wie ich bin nicht genug, Nähe ist gefährlich oder ich muss leisten, wobei nicht alle davon bewusst sind. Solche Sätze wirken oft im Hintergrund, weil das Gedächtnis und die alte Bedeutung mitsprechen, denn Gegenwartsreize können assoziative Netze aktivieren, sodass sich die Gegenwart anfühlen kann wie eine alte Bedrohung. Zugleich stabilisiert sich das Muster über Identität und Rollenbindung, weil vertraute Rollen sich wie das eigene Ich anfühlen können, auch wenn sie eng geworden sind. So entsteht schliesslich die Interpretation und Bewertung der Lage, denn die Gegenwart wird durch den Filter aus Glaubenssatz, Gedächtnis und Rolle gedeutet und ist selten völlig neutral.

Diese Schicht ist gut anschlussfähig an Youngs frühe maladaptive Schemata, an die Forschung zum impliziten Gedächtnis, an Eriksons Begriff der Identität und an die Top-down-Verarbeitung der Wahrnehmungspsychologie, bei der frühere Bedeutungen mitbestimmen, was wir überhaupt wahrnehmen. Die Anerkennungsfrage dagegen ist ein eigener Begriff, mit dem die A-A-T den Moment benennt, in dem aus körperlichem Alarm eine Frage an den eigenen Wert wird.

Was dieser Abschnitt im Gesamtbild zeigt: Wir reagieren selten nur auf das, was gerade geschieht. Vergangene Bedeutung legt sich über die Gegenwart, und eine Situation kann eine alte Wunde berühren, ohne dass uns das bewusst sein muss.

Stufe 32 bis 36

Vom Gefühl über die Motivation bis zum Kipppunkt

Aus Aktivierung und Bedeutung entsteht das Gefühl, etwa Angst, Scham, Wut, Trauer, Leere oder Sehnsucht. Ein Gefühl ist dabei ein Signal und kein Fehler, ein Hinweis darauf, dass etwas wichtig ist. Auf das Gefühl folgt eine Bewegung nach vorn, denn in Hoffnung und Erwartung sucht das System Beruhigung, Bestätigung, Sicherheit, Nähe, Anerkennung oder Freiheit, oft im Aussen. Daraus kann Motivation werden, weil aus dem Zusammenspiel von Bedürfnis und Wert mit Erwartung und Selbstwirksamkeit, getragen von Hoffnung, eine Bewegung zum Handeln entstehen kann. Wichtig ist, was das Modell hier hinzufügt, denn bindet sich die Hoffnung allzu fest an Anerkennung oder äussere Wertung, kann aus Motivation eher Druck, Anpassung oder Schutz werden. Bleibt dann die erwartete Antwort aus, folgt die Enttäuschung, und mit ihr kann die alte Angst berührt werden; dies ist der eigentliche Kipppunkt des Kreislaufs. An dieser Stelle setzt eine Schutzaktivierung ein, weil das System versucht, Schmerz, Ohnmacht oder Bedrohung innerlich zu regulieren, wobei der Schutz hier noch Bewegung ist und noch keine sichtbare Form trägt.

Fachlich schliessen diese Stufen an die Emotionsforschung mit ihren Appraisal- und Affektregulationsmodellen an, an die Erwartungs-Wert-Theorie der Motivation und an die Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan, die zwischen eher selbstbestimmter und eher kontrollierter Motivation unterscheidet, sowie an die Forschung zur Erwartungsverletzung. Eigene Begriffe braucht das Modell hier kaum, denn sein eigener Akzent liegt darin, die Motivation ausdrücklich zwischen innerer Tragkraft und äusserer Bindung zu verorten.

Was dieser Abschnitt im Gesamtbild zeigt: Gefühl, Hoffnung und Motivation sind die nach vorn gerichtete Kraft im Menschen. Doch wo Hoffnung sich zu sehr an äussere Bestätigung hängt, liegt im selben Schritt schon der Punkt, an dem Enttäuschung den alten Schutz wecken kann.

Stufe 37 bis 41

Die Richtung des Schutzes und seine sichtbare Form

Ist der Schutz erwacht, nimmt er eine Richtung. In der Richtung der Schutzbewegung kann sie sich nach aussen wenden, sodass die Ursache eher beim anderen gesucht wird, was das Modell den Angst-Anerkennungs-Kreislauf nennt, oder sie wendet sich nach innen, sodass die Ursache eher bei sich gesucht wird, oft verbunden mit Scham, was als Angst-Scham-Schuld-Kreislauf bezeichnet wird. Wichtig ist, dass dies keine festen Typen sind, sondern Richtungen, die wechseln können, und beide tragen die Kürzel AAK und ASK als Eigenbegriffe der A-A-T. In beiden Fällen beginnt eine Schuldfrage, in der das System eine Ursache sucht, bei sich, beim anderen oder in der Situation. Daraus kann eine Unterstellung werden, indem die eigene Deutung dem Gegenüber zugeschrieben wird. Steigt die Spannung weiter, kann sie sich über ein Urteil entladen, das von Abwertung bis Verurteilung reicht und vor der eigenen inneren Ohnmacht schützt. Am Ende kann sich der Schutz schliesslich als sichtbare Form zeigen, als Bewältigungsstil, der sich als Unterwerfung, Vermeidung oder Überkompensation äussert.

Diese Stufen sind anschlussfähig an Weiners Attributionsforschung, an die Arbeiten von Dodge zur feindseligen Zuschreibung, an Freuds Begriff der Projektion, an klassische Konzepte der Abwehr und an Youngs drei Bewältigungsformen. Die beiden Kreisläufe AAK und ASK selbst sind eigene Begriffe des Modells, mit denen es zwei mögliche Richtungen derselben Schutzbewegung beschreibt, ohne Menschen in Schubladen zu sperren.

Was dieser Abschnitt im Gesamtbild zeigt: Schutz ist verständlich und zugleich folgenreich. Ob er sich nach aussen oder nach innen richtet, formt mit, ob wir eher anklagen oder uns eher beschämen, und beides kann sich am Ende als ein vertrauter Stil zeigen, der uns selbst kaum noch auffällt.

Stufe 42 bis 46

Wille, Entscheidung, Verhalten und die Rückkopplung

Bevor aus all dem eine Handlung wird, regt sich der Wille. Der Wille zwischen Bedürfnis, Selbstkontakt und Schutzmuster kann aus Klarheit wachsen oder von Angstschutz, Bedürfnisnot und Anerkennungssehnsucht gelenkt sein, und selten ist er ganz das eine oder das andere. Aus ihm folgt die Entscheidung, in der die Person Nähe, Rückzug, Angriff, Anpassung, Kontrolle, Grenze oder Ehrlichkeit wählt, wobei diese Freiheit unter Belastung eingeschränkt sein kann. Die Entscheidung wird zum Verhalten, sodass die innere Bewegung sichtbar wird, etwa als Klammern, Schweigen, Leistung, Flucht, Dominanz oder Selbstaufgabe, doch das Verhalten ist kein Endpunkt. Denn es hat eine Wirkung auf andere und kann Reaktionen wie Nähe, Distanz, Abwehr, Schuld, Mitgefühl oder Kontakt auslösen, sodass die Beziehung selbst zum Teil der Rückkopplung wird. Und hier schliesst sich der Kreis oder er öffnet sich, denn in der Musterverstärkung oder Korrektur kann die Reaktion das alte Muster bestätigen oder eine korrigierende Erfahrung ermöglichen.

Fachlich schliessen diese Stufen an die Selbstbestimmungstheorie an, an die Psychologie der Handlungssteuerung, an systemische Modelle der Rückkopplung und an die Idee der Lernschleife und der Wiederholung, die historisch auch an Freud anknüpft. Eigene Begriffe sind hier kaum nötig, denn der Beitrag des Modells liegt darin, den Willen fein zwischen Klarheit und Not zu beschreiben, statt ihn einfach als freie Wahl zu behaupten.

Was dieser Abschnitt im Gesamtbild zeigt: Verhalten ist nicht das Ende, sondern ein Glied in einem Kreis. Wie andere auf uns reagieren, kann das alte Muster festigen oder einen Spalt öffnen, durch den etwas Neues möglich wird.

Stufe 47 bis 48

Erkennen: der Anfang innerer Freiheit

Die letzte Ebene beschreibt, wie sich der Kreislauf über Bewusstwerdung, Umstrukturierung und Integration verändern kann, und sie beginnt mit dem Erkennen. In der Bewusstwerdung kann der Mensch wahrnehmen, dass eine Situation nicht nur die Situation ist, sondern auch ein altes Muster berührt, sodass aus dem «Ich bin so» ein «ein Anteil in mir reagiert so» wird. In diesem feinen Unterschied liegt der Beginn von innerer Freiheit, denn das Erleben verschmilzt nicht mehr vollständig mit der eigenen Identität. Daraus kann eine Innenreferenz und Selbstführung wachsen, eine innere Funktion von Beobachtung, Mitgefühl und erwachsener Einordnung, die das Geschehen begleiten kann, statt von ihm überrollt zu werden. Es ist die Rückkehr zu innerer Steuerung statt zu einem automatischen Scham- oder Angstreflex, der selbstführende Anteil, der wieder die Hand an das Steuer legen darf.

Fachlich knüpft dieser Schritt an Fonagys Begriff der Mentalisierung und an die Idee der Defusion an, also an die Fähigkeit, sich vom eigenen Gedanken und Gefühl ein Stück weit zu lösen, ohne sie wegzudrücken, sowie für den selbstführenden Anteil an Richard Schwartz mit seinem Internal Family Systems, an die mitfühlende Selbststeuerung im Sinne von Paul Gilberts Compassion Focused Therapy und an Carl Rogers. Die Selbstführung als Integrationsbegriff trägt dabei einen eigenen Akzent der A-A-T.

Was dieser Abschnitt im Gesamtbild zeigt: Veränderung beginnt nicht damit, anders zu sein, sondern damit, sich beim Reagieren zuzusehen. In dem Moment, in dem ein Mensch erkennt, dass ein alter Anteil in ihm reagiert, entsteht ein kleiner Spielraum, in dem etwas Neues möglich wird.

Stufe 49 bis 52

Umstrukturierung: das Muster sicher verändern

Ist ein Mensch sich seines Musters bewusster, kann es behutsam umgebaut werden, und dafür braucht es zuerst eine sichere Aktivierung als Arbeitsfenster. Ein Muster wird eher veränderbar, wenn es im Moment berührt und aktiviert ist und die Person zugleich orientiert, zustimmungsfähig und körperlich stabil bleibt, sodass Aktivierung nicht ängstlich vermieden, aber auch nicht in Überforderung getrieben wird. In diesem Fenster wird eine Musterunterbrechung möglich, in der die automatische Reaktionsbahn kurz angehalten wird, sodass die alte Scham- oder Angstspirale nicht einfach weiterläuft und Raum für eine neue Bahn entsteht. Dann folgt der eigentliche Bedeutungs- und Reaktionsumbau, in dem das alte innere Bild und die alte Reaktion umstrukturiert und durch eine neue, realistische Reaktion ersetzt werden, wobei nur die alte Musterform entmachtet wird und nicht der Anteil selbst. Damit das System diese neue Spur kennenlernt, braucht es schliesslich Einübung und Stabilisierung, ein mehrfaches, bewusstes Durchlaufen der neuen Reaktion, das die neue Bahn festigt, ohne sie mechanisch zu programmieren.

Diese Schicht fasst die Logik der Selbstführungs-Integration zusammen, eines neu entwickelten und noch nicht eigenständig validierten Integrationsprotokolls, dessen Wirkprinzipien sich an etablierte Konzepte anschliessen, ohne dass damit eine Wirksamkeit bereits bewiesen wäre. Fachlich berührt sie das allgemeine Prinzip der Gedächtnisrekonsolidierung und die Idee der sicheren emotionalen Aktivierung, das inhibitorische Lernen, das Imagery Rescripting und die korrigierende emotionale Erfahrung sowie die erfahrungsabhängige Neuroplastizität, die beschreibt, wie sich neue Bahnen durch Wiederholung festigen können.

Was dieser Abschnitt im Gesamtbild zeigt: Ein altes Muster wird nicht weggekämpft, sondern in einem sicheren inneren Rahmen berührt, angehalten und neu gefüllt. Verändern heisst hier nicht löschen, sondern der vertrauten Reaktion eine neue, realistischere zur Seite stellen und sie so lange üben, bis sie selbst vertraut wird.

Stufe 53 bis 56

Integration: Verankerung, Sinn, Würde und bewusste Bindung

Damit aus innerer Arbeit gelebter Alltag wird, braucht es Verankerung und Alltagstransfer, etwa sensorische oder symbolische Anker und einen kleinen, konkreten nächsten Schritt, der die neue Reaktion im täglichen Handeln abrufbar macht. Über die blosse Beruhigung hinaus kann eine Sinn- und Werteintegration entstehen, in der eine frühe eigene Ressource mit heutigen Werten, Fähigkeiten und der eigenen Lebensrichtung verbunden wird, sodass die Veränderung eine Richtung bekommt und das Eigene eine konkrete Form finden darf. Mit der Zeit kann sich dann die tragende Achse verschieben, von der Wertung hin zur Würde, einem ethischen Begriff, der den Selbstwert Schritt für Schritt von äusserer Wertung lösen kann, weil Würde nicht verdient werden muss. Und als möglicher integrierter Zielpunkt der ganzen Kette steht die bewusste Bindung, in der Beziehung weder Verschmelzung aus Angst noch Kontrolle aus Schutz wird, sondern Kontakt mit Selbstbezug, also Nähe, in der ein Mensch sich selbst nicht verliert.

Fachlich schliessen diese Stufen an die Implementation Intentions, an sensorische Verankerung und an Grounding an, an die Forschung zur Selbstkontinuität, zur Sinnbildung und zur Werteklärung, für die Würde an die Anerkennungstheorie von Axel Honneth und für die bewusste Bindung an die in der Bindungsforschung beschriebene erarbeitete Sicherheit nach Main und Hesse. Der Integrationsgedanke der Selbstführung und der Begriff der bewussten Bindung tragen dabei einen eigenen Akzent der A-A-T, die hier beschreibt, wohin sich der ganze Prozess öffnen kann.

Was dieser Abschnitt im Gesamtbild zeigt: Der Kreislauf ist nicht das letzte Wort. Wo ein Mensch sein Muster erkennt, es behutsam verändert und im Alltag verankert, kann sich Wertung in Würde und ängstliche oder kontrollierende Bindung in bewusste Nähe verwandeln, in der Verbindung möglich ist, ohne sich selbst zu verlieren.

Das Gesamtbild des Menschen in der Kausalkette

Fügt man die sechsundfünfzig Bausteine zusammen, entsteht kein Katalog von Fehlern, sondern das Bild eines zusammenhängenden inneren Systems. Am Anfang steht ein Körper, der spürt, und eine Beziehung, die hält oder eben nicht ganz hält. Aus diesem frühen Erleben wächst ein Selbst, das sich in der Spiegelung anderer ein Bild von sich macht und dabei früh lernen kann, Liebe sei an Wertung gebunden. So bildet sich ein angepasstes Ich über einem lebendigen Kern, und der Selbstwert kann sich von innen tragen oder sich an äussere Zeichen hängen. Geht dieser Selbstwert in den Alltag, so kann ein bedrohtes Bedürfnis eine alte Angst wecken, der Körper schlägt Alarm, alte Bedeutung färbt die Gegenwart, ein Gefühl entsteht, und aus Hoffnung wird Motivation, die sich nach vorn bewegt. Bleibt die ersehnte Antwort aus, kann der Kreislauf in Enttäuschung und Schutz kippen, der sich nach aussen oder nach innen wendet, eine Ursache sucht, urteilt und sich schliesslich als vertrauter Bewältigungsstil zeigt, der zu Entscheidung und Verhalten führt und über die Reaktion anderer das alte Muster bestätigen kann.

Und doch endet das Modell nicht im Kreis. Wo Bewusstwerdung möglich wird, kann der Mensch wieder von innen spüren, sein Muster in einem sicheren Rahmen behutsam umbauen, das Neue im Alltag verankern und ihm Sinn geben, sich von der Wertung zur Würde bewegen und Bindung als bewussten Kontakt erleben. So verbinden sich Körpererleben, Beziehung, Wertung, Selbstwertbindung, Bedürfnis, Hoffnung, Motivation, Schutzbewegung, Entscheidung, Verhalten, Rückkopplung und bewusste Bindung zu einem Gesamtbild, in dem nichts Einzelnes für sich steht, sondern alles aufeinander wirkt. Es ist ein Bild, das erklären möchte, ohne zu beschämen, und das zeigt, dass Veränderung möglich ist, weil ein System mit Rückkopplungen sich an jeder Stelle auch neu ausrichten kann. Wenn du dich in diesem Bild wiederfindest, dann nicht als Fall, sondern als Mensch, der verstehen darf, wie er funktioniert, und der sich verändern kann.

Diese Kausalkette ist ein theoretisches Rahmenmodell der Angst-Anerkennungs-Theorie und des Meta-Modell N. Sie dient der Selbstreflexion, der psychologischen Bildung und der Orientierung. Sie ersetzt keine Psychotherapie, keine Diagnostik und keine medizinische Behandlung.

56 Bausteine · 3 Ebenen · Meta-Modell N